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Wie funktioniert Bildungsarbeit im sozialpädagogischen Kontext bei unseren europäischen Nachbarn?

Carola war mit Max in Brixen

Name
Carola
Nationalität
deutsch
Land
Deutschland
Sprache
Deutsch
Stadt
Koblenz
Heimathochschule
Fachhochschule Koblenz
Studiengang
European Community Education Studies
Abschluss
Status
Student/in
Zeitraum
01.10.2006 - 31.07.2007
Kinder
Max (5)
Land
Italien
Sprache
Italienisch
Stadt
Brixen
Hochschule
Freie Universität Bozen
Anlass der Reise
Studiengangsintegriertes (verpflichtendes) Auslandsstudium , Auslandserfahrungen sammeln , Sprachkenntnisse erweitern
Sonstiges, und zwar
Mein Studiengang beinhaltet 2 zusammenhängende Auslandssemester (5. und 6. Semester), wovon zunächst ein 5-monatiges Praktikum im Ausland zu absolvieren war.
Kriterien
Nach Gesprächen mit den Verantwortlichen an meiner Heimathochschule entschied ich mich, an der Freien Universität Bozen mit der Fakultät für Bildungswissenschaften in Bressanone/Brixen Norditalien zu studieren. Meine zentrale studienbezogene Frage lautete: "Wie funktioniert Bildungsarbeit im sozialpädagogischen Kontext bei unseren europäischen Nachbarn?" Ich wollte die Region Südtirol kennen- und Italienisch lernen und das alles noch familiär (verheiratet, ein Sohn im Grundschulalter) verbinden. Zudem hatte ich vom guten Ruf der Universität gehört und gelesen.
Ansprechpartner vor Ort
Erasmus-Büro der Uni Brixon
Land
Italien
Wie sind Sie ins Ausland gegangen?
im Rahmen einer Hochschulkooperation
Mobilitätsprogramm
Erasmus Studium
Dokumente
Auslandskrankenversicherung , Einschreibungen / Zulassungen für Gasthochschule
Wohnsituation

Das ERASMUS-Büro in Brixen unterstützte mich bei der Suche nach einer geeigneten Unterkunft. Die Zusage für ein Zimmer mit Bad im "Haus der Solidarität" in Brixen-Milland erreichte uns ausreichend im Vorfeld. Hilfreich bei der Organisation war der häufige Kontakt per Emails und Telefonate sowie der "Schnupper-Besuch" mit meiner ganzen Familie 4 Monate vor dem eigentliche Auslandsstudium/Auslandspraktikum.

Kinderbetreuung Kriterien

Nach den ersten virtuellen Kontakten fuhr ich im Juni 2006 gemeinsam mit meiner Familie wegen der persönlichen Bewerbung um die Praktikumsstelle vor dem Auslandssemester, eines Kindergartenplatzes für meinen Sohn und der Suche nach einer geeigneten Unterkunft nach Brixen. Entscheidend war, dass der Kindergarten direkt "um die Ecke" von Unterkunft und meiner späteren Praktikumsstelle lag.

Kinderbetreuung Situation

Im Kindergarten Brixen-Milland wurden die Kinder von 7:30 - 15:00 betreut. Die Kinder bleiben dort alle über Mittag und erhalten Mo - Fr ein "italientypisches" in der kindergarteneigenen Küche gekochtes Mittagessen mit Vorspeise, Salat und Dessert. Betreuungskosten damals € 75,- pro Monat inklusive (!) Verpflegung.

Eindrücke des Kindes

Im Kindergarten wurde mein Sohn herzlich aufgenommen und derart individuell gefördert, wie ich es in Deutschland bisher selten gehört oder gesehen habe. - Auch in diesem Sinne war die Entscheidung für das Auslandsstudium mit Kind ein Zugewinn für unsere Familie.

durchschnittlichen Lebenserhaltungskosten vor Ort

Unterkunft
400 Euro
Krankenversicherung
170 Euro
Verpflegung
350 Euro
Kinderbetreuung
75 Euro
Sonstiges
100 Euro
Finanzierungsmöglichkeiten
Stipendium , Kindergeld , Erspartes , Unterstützung durch weitere Familienangehörige
Sonstiges, und zwar
Job meines Ehemanns, der in Deutschland geblieben ist.
Motivation

Meine zentrale studienbezogene Frage lautete: "Wie funktioniert Bildungsarbeit im sozialpädagogischen Kontext bei unseren europäischen Nachbarn?" Ich wollte die Region Südtirol kennen- und Italienisch lernen und das alles noch familiär (verheiratet, ein Sohn im Grundschulalter) verbinden. Zudem hatte ich vom guten Ruf der Universität gehört und gelesen.

Transportmöglichkeit

Wir sind angereist mit dem PKW. Koblenz - Südtirol ist keine zu große Entfernung, um sie mit Kind zu meistern. Da wir aber alle 2 Wochen zurück nach Deutschland gependelt sind, haben die Reisekosten hoch zu Buche geschlagen.

Orientierung vor Ort

Während des Auslandsaufenthaltes in demselben Haus zu wohnen, zu arbeiten (Praktikum) und zu lernen, brachte Vor- und Nachteile mit sich: Anfangs fiel es mir nicht leicht, Berufliches und Privates klar zu trennen: ich war ständig verfügbar. Eine neue Situation, neue Rollen: ein neuer Lebens- und Aufgabenbereich, fremde Umgebung, neue Kontakte. Alle mussten sich an die veränderte Situation gewöhnen: die Großeltern sahen ihren Enkel nicht mehr so häufig, meinen Mann erwartete täglich ein "leeres Heim" und unser Sohn musste sich im neuen Kindergarten orientieren, die andere Mentalität und Sprache, neue Spielkameraden kennen lernen, und gleichzeitig den Trennungsschmerz verarbeiten. Zusätzlich war für mich die Rolle einer studierenden, gewissermaßen "virtuell" allein erziehenden Mutter im Ausland neu. Im Team der OEW und der Hausgemeinschaft des Hauses der Solidarität gab es jedoch ein großes wechselseitiges Vertrauen, so dass wir von allen Seiten Unterstützung erfahren haben.

Verpflegung

Südtirol wird als Touristenregion gemessen an den Verhältnissen in Deutschland ohnehin als "teuer" empfunden. Das hat sich vor allem in den Kosten für Lebensmittel niedergeschlagen. Ansonsten gibt es in Italien auch alle die Dinge, die es auch in Deutschland gibt.

Studienablauf

Nach etwa 2 Monaten fanden wir unseren Rhythmus und fühlten uns wohl. In der Praktikumsstelle hatte ich von Anbeginn das Gefühl der Zugehörigkeit. Bei der Bewältigung und Verarbeitung der Aufgaben schöpfte ich neue Kraft aus dem mir entgegengebrachten Vertrauen, den Etappen-Erfolgen meiner Tätigkeiten, Spaziergängen im nahen Wald, den kurzen Aufenthalten zu Hause in Deutschland und der Tatsache, dass es meinem Sohn sichtbar gut ging. Während des Auslandsjahrs besuchte ich an der Universität in Brixen einen Italienisch-Sprachkurs. Mitte März 2007 endete das Praktikum; im Anschluss begannen die Vorlesungen an der Freien Universität Bozen / Fakultät für Bildungswissenschaften Brixen, die ich im Juli 2007 erfolgreich abschloss. An der Universität begegneten mir viele Menschen, die ich bereits während der Praktikumszeit bei der OEW kennen gelernt hatte. Studierende und Professoren waren sehr angetan vom ERASMUS-Programm und zeigten sich zumeist überrascht, dass jemand ein Auslandsstudium mit Kind absolviert. Häufig wurde mir die Frage gestellt, wie das "funktionieren" kann?

Familienfreundlichkeit

Die Famileinfreundlichkeit war genauso, wie wir uns das "landläufig" für Italien vorstellen: die "bambini" stehen an 1. Stelle! - Studium mit Kind wird sehr positiv und interessiert unterstützt - auch bei den einheimischen Studierenden. An der Fakultät in Brixen gab es selbstverständlich eine offene Kinderspielecke. Der Kindergartenplatz war sehr einfach ohne Hürden zu organisieren.

Freizeit

Die Besuche meines Mannes nutzten wir meist für Familienausflüge: gemeinsame Wanderungen, Skifahren und Rodeln, Sehenswürdigkeiten, Städtetouren nach Verona, Venedig, Parma und Neapel oder einfach, um mit den neu gewonnenen Bekannten und Freunden die Zeit zu verbringen, sich auszutauschen, während die Kinder zusammen spielten.

Resümee

An der Universität begegneten mir viele Menschen, die ich bereits während der Praktikumszeit bei der OEW kennen gelernt hatte. Studierende und Professoren waren sehr angetan vom ERASMUS-Programm und zeigten sich zumeist überrascht, dass jemand ein Auslandsstudium mit Kind absolviert. Im Haus der Solidarität in Brixen lebten wir mit Menschen aus Peru, Bolivien, Kolumbien, Argentinien, Marokko, Algerien, Albanien, der Ukraine, Rumänien, Polen, Nord- und Süditalien zusammen. Dieses multikulturelle Leben und Erleben, das Studium an einer ausländischen Universität, das Vollzeitpraktikum in der OEW, die Beschäftigung mit der Lebensweise "der Anderen", mit den Umständen derer, denen es "nicht so gut" geht: schult automatisch Sensibilität, fördert Offenheit und Toleranz und beschleunigt den kognitiven Reifeprozess: Die gemeinsamen Mittagessen, Veranstaltungen und die vielen gesellschaftspolitischen, religiösen und philosophischen, alltäglichen Themen in vielen verschiedenen Sprachen; Schicksale; das Interesse aneinander in dieser vielschichtigen Gemeinschaft haben mich sehr viel gelehrt. Diese Zeit war und ist für meine Familie und mich eine wichtige und wertvolle Erfahrung. Es ist bedauerlich, dass es diese Form von Studiengängen in Zukunft nicht mehr geben wird. Meines Erachtens ist eine Kürzung von Studienzeiten im Ausland innerhalb von beispielsweise Bachelor-Studiengängen nicht sinnvoll. Ein Auslandsstudium kann nicht virtuell ersetzt werden: Der Mensch muss riechen, schmecken, spüren.

Informationen Familienbild

Einen so genannten Kulturschock habe ich nicht wahrgenommen, obwohl im Vergleich zu Deutschland in der norditalienischen Region Südtirol tatsächlich mehr kulturelle Unterschiede existieren, als ich vor Beginn der Auslandssemester erwartet hätte. Das betrifft allgemeine Einstellungen und Haltungen, das politische Geschehen und Gesetzgebung gemeinhin, den Verwaltungsapparat: So ist beispielsweise Zweisprachigkeit (Deutsch/Italienisch) an den Schulen nach wie vor ein hochbrisantes Politikum und noch immer keine Selbstverständlichkeit.

Empfehlungen

Häufig wurde mir die Frage gestellt, wie das "funktionieren" kann? - Es "funktioniert" nach meinem Dafürhalten mit Herz, Verstand, einer gewissen Eigenständigkeit, ein wenig Organisationsgeschick und nach Möglichkeit mit der Unterstützung von Familie und Partnerschaft. Das Pendeln zwischen "zwei Welten" war eine schöne, wertvolle Erfahrung und - wie beschrieben- lediglich zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Es ist zudem erstaunlich, wie gut ein Kind mit dieser Situation aufwächst, wenn es stets miteinbezogen wird. Das "Abenteuer" Auslandsstudium mit Kind würde ich immer wieder wagen, weil trotz der vorübergehenden finanziellen Belastung der nachhaltige immatrielle Reichtum immens ist.

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